Soll es ein grüner Smiley sein? Oder doch eher ein gelbes Gesicht mit verkniffenem Mund?

Ständig soll ich ganz alltägliche Vorgänge bewerten. Das nervt.

Dem Hotel, das ich besucht habe, soll ich Sterne zuordnen. Wie war das Parkhaus, wie die Raststätte? Selbst in manchem Supermarkt gibt es jetzt hinter der Kasse bunte Smileys. Jede Woche werden Politiker mittels Politikbarometer bewertet. Welch ein Wahnsinn. Zu guter Politik gehören auch unpopuläre Entscheidungen. Die Regierenden müssen nicht jede Woche beliebt sein. Sie sollen regieren.

Dass der Bewertungswahn mittlerweile beängstigende Dimensionen angenommen hat, zeigt sich an einer neuen App, über die man Menschen in drei Kategorien "empfehlen" kann: beruflich, persönlich, romantisch. Eine "Empfehlung" kann jedoch auch negativ sein.

Ein groß angelegter Plan in China zeigt, wo das hinführen könnte: Bis 2020 soll dort ein umfassendes Sozialkreditsystem aufgebaut werden. Für die Stadt Rongcheng haben die Entwickler versuchsweise die Bewertungsskala A, B, C, und D eingeführt. Die A-Menschen werden bevorzugt behandelt, zum Beispiel bei Zulassungen für Schulen, bei sozialen Leistungen und auch bei Versicherungen. Die aus der C-Gruppe werden täglich kontrolliert. Die Menschen in Klasse D bekommen Leistungen gestrichen und haben keine Kreditwürdigkeit mehr. Die Bewertung der Nachbarn und Bekannten ist dabei sehr wichtig. Die Stasi lässt grüßen.

Im Matthäusevangelium heißt es dagegen: „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet.“

Richten macht das Herz eng und selbstgerecht. Der Gedanke, dass da ein anderer ist, der uns richtet, ist dagegen eine große Befreiung. Denn in der christlichen Vorstellung sieht Gott uns Menschen als das, was wir sind: Als unverwechselbare Geschöpfe, fehlbar zwar und nicht ohne abgründige Seiten, aber doch immer als Ebenbild Gottes, Lebewesen mit einer unverlierbaren Würde.

Darum gibt es auch am Ende eines Gottesdienstes keine Bewertungen, wie gut der Organist und die Pfarrerin gearbeitet haben, oder wie schön der Blumenschmuck und die Atmosphäre in der Kirche waren. Es geht hier nicht ums Richten, sondern ums Feiern. Es geht ums Hören und Beten, ums Staunen und Singen. Hier ist Raum für Klage und Dank, für Nachdenken und Lob.

Durch ständiges Bewerten werden wir ungenießbar und vermiesen uns gegenseitig das Leben. Und außerdem hindert es uns daran, Erfahrungen zu sammeln, ohne die ein Leben nichts wert ist: Überraschungen, Glückstreffer und auch Fehler und Niederlagen gehören dazu. Und: nicht jeden inspirierenden Ort muss ich mit aller Welt teilen …


Ralph Beims, Pfarrer an der Marktkirche und am Ratsgymnasium

 



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