Anvertrauen und Vertrauen

 

Im Lukasevangelium lesen wir folgendes Jesuswort: „Wem viel gegeben ist, bei dem wird man viel suchen; und wem viel anvertraut ist, von dem wird man umso mehr fordern.“ (Lk 12,48) Dieser Bibelvers bildet die Überschrift der neuen Woche, sie ist die 9. nach dem Trinitatisfest.

Das lässt sich hören als eine Aussage, die Angst macht. Nun ist Angst zwar solange hilfreich, wie sie uns vor Selbstüberschätzung schützt, ansonsten lässt sie einen verkrampfen und raubt die eigenen Möglichkeiten und wird lebensfeindlich. Und das soll nicht sein. Zeit für eisenzweiten Blick!

Das Wort vom Anvertrauten und den Erwartungen, steht in engem Zusammenhang mit einem Vergleich Jesu. Darin hinterlässt ein Chef seinen Mitarbeitern große Summen. Damit sollen sie arbeiten. Am Tag der Abrechnung gibt derjenige, der die kleinste Summe bekommen hat, diese unverändert zurück. Aus Angst hatte er sie vergraben - diese kostbare Gabe sollte bewahrt bleiben. Die anderen hatten sich ihre Gaben zur Aufgabe gemacht und sind Risiken eingegangen (Mt 25, 14-30).

Ich fühle mich ertappt. Ich als Teil der Kirche hier in Goslar. Wie viele Christen möchten nicht Gottes Wort in Sprache und Traditionen bewahren? Die Angst vor Verfälschung ist groß. Sie bindet die Hände. Und so bleibt es nicht selten beim Hunger nach dem Brot des Lebens. Denn sorgfältig konserviertes Brot zu schlucken, macht nicht satt, zugelötete Wahrheiten und Haltungen sind eben nicht nahrhaft, sie sind unverdaulich. 

Es wäre großartig, das Wochenwort vom Anvertrauen und den Erwartungen nicht von unserer Angst her zu lesen, sondern ihm eine Freiheit abzulauschen: Lass Deine von Christus anvertrauten Werte einfach munter und zeitgemäß und riskant arbeiten! Das einzige, was Du falsch machen kannst, ist Deinen Gaben zu wenig zuzutrauen.

 

Andreas Jensen

Pfarrer im Pfarrverband Goslar Südost

 

 

 

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