Seit gut einer Woche schon läuft die Fastenzeit. Junge wie Alte, Glaubende und Skeptische nehmen sich in den Wochen bis Ostern vor auf etwas zu verzichten: sei es auf Alkohol, Fleisch, Süßes oder auf das Fernsehen. Die evangelische Fastenaktion „Sieben Wochen ohne“ steht in diesem Jahr unter dem attraktiven Motto „Augenblick mal - Sieben Wochen ohne Sofort!“

Das Sofort, die Gleichzeitigkeit, bestimmt immer mehr unserer Leben. Antworten auf Emails werden innerhalb weniger Stunden erwartet. Das Essen im Restaurant wird fotografiert und sofort in die persönliche Geschichte gestellt. Das Selfie vor dem Brandenburger Tor muss ganz schnell an alle Freunde gepostet werden, als wäre es am nächsten Tag schon veraltet.

Manchmal erlebe ich mich selber als derjenige, der dieses Sofort einfordert, z.B. wenn die Kinder die Spülmaschine ausräumen oder ihre Hausaufgaben machen sollen.

Doch letztlich werden wir unsere Lebenszeit durch diese Beschleunigung nicht verbessern und nicht verlängern. Treiben wir das Hamsterrad, in dem wir uns wähnen, immer schneller an, kommen wir aber doch nicht von der Stelle.

Manchmal scheint es mir so, als hätten die Zeitdiebe, wie sie in Michaels Endes Roman „Momo“ beschrieben sind, unser Leben fest im Griff. Eines Tages, so der Roman, taucht die Gesellschaft der grauen Herren unter dem Decknamen Zeitsparkasse auf und beginnt ihr diabolisches Werk. Die grauen Herren sind vom Fuß bis zum Haar aschgrau und versuchen, alle Menschen dazu zu bringen, Zeit zu sparen. In Wahrheit werden die Menschen um ihre Zeit betrogen. Während sie versuchen, Zeit für später zu sparen, vergessen sie, im Jetzt zu leben. Je mehr man versucht, Zeit zu sparen, desto „kürzer“ werden die Tage und Wochen.

Sich dagegen Zeit zu gönnen, könnte manche in Bewegung bringen. Zeit für schwierige Entscheidungen. Zeit, den Menschen im anderen zu sehen, etwa in der Schlange im Supermarkt, auch wenn man es für gewöhnlich eilig hat. Nicht sofort aufgeben! Wenn es nicht mehr weitergeht, einmal Pause machen, eine Tasse Tee trinken, an die frische Luft gehen. Zeit, den Dingen und sich selber eine zweite Chance zu geben.

Dieses Innehalten hat uns Gott ganz am Anfang in unsere Zeitplanung geschrieben: Den siebten Tag segnete der Schöpfer – und ruhte. Dazu sind wir auch eingeladen – nicht nur am Sonntag.

Ralph Beims, Pfarrer an der Marktkirche und am Ratsgymnasium

 







 


Propstei Goslar | Kirche für und mit Menschen in Stadt & Land Goslar