Kennen Sie das Gefühl? Sie kommen nach einem längeren Urlaub zurück nach Hause und die eigene Wohnung kommt Ihnen in gewisser Weise fremd vor?

Das, was uns normalerweise ganz selbstverständlich umgibt, erscheint für einige Tage in einem anderen Licht. Vielleicht führt dieser Eindruck sogar zu dem Vorhaben, die Möbel umzustellen oder den einen oder anderen Raum ganz neu einzurichten.

Dieser kurzzeitige Abstand kann sich auf die Inneneinrichtung meiner Wohnung auswirken, könnte aber auch dazu führen, dass ich meine kleinen und großen Lebensziele neu in den Blick nehme und schärfe. Denn: „Sobald wir das Ziel aus den Augen verloren haben, verdoppeln wir unsere Anstrengungen“. Dieses Zitat von Mark Twain finde ich überaus treffend. Es löst bei mir Fragen aus: Habe ich mir eigentlich Ziele gesetzt, hinter denen ich noch wirklich stehe? Wann habe ich mir meine Ziele zum letzten Mal klargemacht. Habe ich sie mir notiert oder den Menschen meines Vertrauens mitgeteilt? Bin ich noch auf dem Weg, meine Ziele auch wirklich zu erreichen? Und wenn nicht: was hält mich davon ab?

Sicher: unser gesellschaftliches Umfeld wird zunehmend unübersichtlich und die politische Großwetterlage mag manch einen verunsichern. Vielleicht wollen wir manchmal durch unseren Aktionismus unsere Unsicherheit und unsere Ängste übertönen. Wo in einer gewissen Ziellosigkeit die schnelle Antwort zählt, bleiben Kreativität und langer Atem auf der Strecke.

Aus christlicher Perspektive könnte es hilfreich sein, wenn wir uns vergegenwärtigen, dass wir bei aller eigenen Zielstrebigkeit in einen größeren, hoffnungsstiftenden Zusammenhang eingebunden sind. Meine ganz persönlichen Vorhaben sind gebunden an das Leben Jesu Christi. Das kann heißen, ich meine Möglichkeiten nicht überschätze, meine Grenzen nicht verdränge und ich mir meine Ziele nicht zum Gesetz werden lasse. Auf der anderen Seite ist die Bindung an Christus nicht nur Entlastung, sondern auch Verpflichtung. Denn mein Wohl ist nicht zu trennen von dem Wohl der anderen – in nah und in fern!

Das Johannesevangeliums lässt Jesus sagen: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben, und volle Genüge.“ Der Begriff „volle Genüge“ bezeichnet im religiösen Sinne ein erfülltes, nach ethischen Grundsätzen ausgerichtetes, im Wesentlichen zufriedenes Leben. Freiheit von Leid ist damit nicht verbunden, aber das Gefühl, im Einklang mit dem eigenen Gewissen und damit weitgehend auch mit Gott zu leben.

Was will man mehr?

 

Ralph Beims, Pfarrer an der Marktkirche und am Ratsgymnasium

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