Gesprächsfähiger werden

von Pastor Ulrich Schmalstieg, Künstlerseelsorger

 

Am morgigen Sonntag dürfen die sturmfesten Niedersachsen noch einmal wählen und alle Parteien werden gespannt auf das Ergebnis warten, nicht bloß im Norden. Seit dem Einzug der AfD in den Bundestag scheint klar geworden zu sein, dass sich einiges an der Gesprächskultur ändern muss in den Parlamen-ten, den Parteizentralen, aber - wie ich meine - mindestens ebenso in allen Zusammenkünften unserer Gesellschaft. Denn der Wind ist rauer und stürmischer geworden, sozialer Klimawandel, der mich inzwischen besorgt macht. Materielle Sturmschäden können über Versicherungen geltend gemacht werden. Wie aber sieht es mit den seelischen aus?

Bei aller berechtigten Sorge um soziale Ungerechtigkeiten und Härten: schärfer schmerzt die Ausgrenzung von Mitmenschen durch Worte, Gesten oder Gruppen-verhalten, die zu verstehen geben: wir wollen dich nicht, du bist uns lästig, du bist uns zu anstrengend. Was mir dabei fehlt, ist die Mühe, zu versuchen zu verstehen. Klar, Mobbing ist leichter.

Während einer Reise durch Kroatien und Bosnien-Herzegowina habe ich jüngst eine überraschende Erfahrung gemacht. Zwei junge Männer deutscher Herkunft im Alter von Anfang zwanzig und dreißig, Mitglieder der geistlichen Gemeinschaft „Cenacolo“, gaben vor Deutschen aus mehreren Reisegruppen ein persönliches Lebenszeugnis. Beide Männer stammten aus so genannt guten christlichen Verhältnissen. Ihr Absturz aus den normalen Leben kam durch schulisches Mobbing aufgrund von auffälliger Schüchternheit, bzw. durch das wache Miterleiden des Scheiterns der Ehe der Eltern, ihre Unfähigkeit miteinander und mit den Kindern zu sprechen und den daraus folgenden Gewalttätigkeiten. Der Fall war bei beiden tief. Die Rückkehr ins Leben gelang wie durch ein Wunder bei dem einen durch die besorgte Schwester, beim andern, der tief im Drogen- und Prostituiertenmilieu fest-steckte, durch eine Freundin, die warnte: Wenn Du so weitermachst, wirst du deinen nächsten Geburtstag nicht erleben.

Die Schilderungen, oft unbeholfen und langatmig, waren von derartiger Authentizität und Tiefe, dass unser Umgang auf der Reise durch die Gespräche über dies Erlebnis verändert wurde. Die Vertrauensvorlage der Männer war Ansporn für ein ehrlicheres und größeres Miteinander, das wir alle nicht so schnell vergessen werden.

Beide leben nun in der Gemeinschaft, deren Name soviel heißt wie „Miteinander Mahl halten“. Beim Einleben bekam jeder einen „Schutzengel“, der immer an der Seite bleibt, und bereit ist zuzuhören, zu lachen, zu weinen oder zu kämpfen. Keine leichte Schule des Lebens, die aber bemerkenswerte Früchte hervorbringt.

 

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